Der erste Teil einer dreiteiligen Betrachtung der Weinregion New York. Erste Freude und baldige Ernüchterung. Das Böse schlummert im Boden. Viniferaskepsis und Labruscatristesse. Brotaufstrich. Ein furchtloser Mann aus der Ukraine. Ein furchtloser Mann aus Bernkastel. Das Böse wird besiegt.
Ich lebe in New York. Mein Interesse an Riesling von den Finger Lakes und von Long Island ist deshalb nicht ungwöhnlich, man möge es mir nicht übel nehmen. Es ist, nüchtern betrachtet, eigentlich ganz normal. Oft werde ich von weintrinkenden deutschen Freunden gefragt: Taugen die was, die New Yorker Rieslinge? Sicher, sie taugen. Nicht alle vielleicht, aber diese Einschränkung gilt für jede Weinregion, nicht nur für New York. Bedenkt man die junge Geschichte dieser Region (sieht man von der leidigen Concordvergangenheit einmal ab) und ihre relativ kleine Fläche (rebflächenmässig ist New York etwa halb so gross wie Rheinhessen), dann lässt sich auch ganz ohne Lokalpathos feststellen, dass die hiesigen Winzer zum Teil sogar recht erstaunliche Weine in Flaschen füllen.
Wenn man an Wein aus Amerika denkt, dann denkt man natürlich: Kalifornien. Kalifornien regiert im Weinland Amerika. Es wirft seinen mächtigen Schatten bis hinüber an die Ostküste, wo der Weinzwerg New York auf seinen 13,635 Hektar Weinbergen1 im Jahr 2007 immerhin 41 Tausend Tonnen Weintrauben zu Wein verarbeitete. Zum Vergleich: Kalifornien presste im gleichen Jahr über 3 Millionen Tonnen. Aber New York wächst. In den letzten zehn Jahren hat sich die Anzahl der Weingüter in New York auf gut 300 verdreifacht und diese sind drauf und dran, Washington State den Rang als zweitgrösstes Anbaugebiet der USA abzulaufen. Dennoch, auch als die Nr. 2 wird New York bleiben, was es ist: eine Weinregion mit vorwiegend kleinen Familienbetrieben auf Long Island, entlang des Hudson Rivers und vor allen Dingen in den Finger Lakes. New York, das ist die Region der Unverbesserlichen, die im Schatten Kaliforniens kühlklimatische Weine machen, wie man sie an der sonnenverwöhnten Westküste in dieser Art nicht findet. Vor allen Dingen der Riesling scheint in den Finger Lakes seine amerikanische Heimat gefunden zu haben.
Weinbau in New York - ein erster, frustrierender Versuch
Als im 17. Jahrhundert die ersten Siedler aus Europa die amerikanische Ostküste erreichten, wurde ihnen beim Anblick der mit Reben üppig bewachsenen Hügel in den Finger Lakes und entlang des Hudson Rivers sicherlich warm ums Herz2. Auch wenn hier nicht europäische vitis vinifera Rebsorten, sondern amerikanische vitis labrusca wuchsen, so waren diese doch immerhin der Beweis, dass Weinbau möglich war auf dem neuen Kontinent. Den Wermutstropfen bekamen sie jedoch schon nach der ersten Ernte im Glas zu schmecken: Weine aus den nordamerikanischen Reben Concord und Niagara hatten einen moschusartigen Beigeschmack ("foxy") und waren mit vinifera Weinen nicht zu vergleichen. Die Frucht der Labrusca, das wurde schnell klar, taugte allenfalls zur Produktion von Traubensaft. Aber man kam ja nicht unvorbereitet in die Neue Welt und so wurden flugs Weinberge mit europäischen vinifera Reben angelegt.

Aber auch diesmal war die Freude der amerikanischen Neuwinzer nur von kurzer Dauer. Schon bald starben die vinifera Reben aus zunächst unerklärlichen Gründen wieder ab. Man vermutete die kalten Winter als Ursache, tatsächlich aber waren die mitgebrachten europäischen Reben die ersten Opfer der damals noch unentdeckten amerikanischen Reblaus, die zwei Jahrhunderte später auf ihrem verheerenden Kreuzzug Europas Weinlandschaft für immer verändern sollte.
War es das? War das Schicksal der New Yorker Weinregion damit für immer besiegelt? Für vinifera Reben war das Klima offensichtlich zu kalt und Wein aus labrusca Reben war nicht konkurrenzfähig mit den Importen aus Europa. In den Handelsdokumenten von New Paltz am Hudson River, dem ersten Ort in Amerika, in dem Trauben kommerziell angebaut wurden, finden sich für das 18. und frühe 19. Jahrhundert keine Einträge hinsichtlich der Produktion von Wein am Hudson River.3 Es kann daher davon ausgegangen werden, dass der Anbau von Trauben in New York sich ganz auf Tafeltrauben und die Produktion von Traubensaft aus der einheimischen Concord Rebe beschränkte.
Ein zweiter, nicht weniger frustrierender Versuch
Wer in New York Wein machen wollte, hatte es nicht leicht. Und es wurde noch schwieriger. Die Prohibition in Amerika verbot in den Jahren zwischen 1919 und 1933 "die Produktion, den Verkauf sowie den Transport alkoholischer Getränke". Da Tafeltrauben vom Verbot nicht betroffen waren, veränderte sich die Rebenlandschaft in New York nicht in dem Masse, wie das z. B. in Kalifornien der Fall war.4 Erlaubt war ausserdem die gesetzlich geregelte Produktion von Wein für Kirchenmessen. Die einheimische, rote Concord Rebe diente als Tafeltraube, wurde zu nicht-alkoholischem Traubensaft oder zu Brotaufstrich verarbeitet. Eine nicht unbeträchtliche Industrie, die von vier Produzenten aus den Finger Lakes beherrscht wurde.5 Am Ende der Prohibition sah es in New York nicht sehr viel anders aus als vor der Prohibition.
Die Ernüchterung kam in New York (wie im Rest von Amerika) im Prinzip erst, als die Prohibition vorüber war. Eine Weinkultur wie in Europa gab es nicht, Wein war gleichbedeutend mit den oft fragwürdigen Produkten aus den Privathaushalten. Nicht verwunderlich also, dass nach der Prohibition vor allen Dingen "Portwein" in Amerika produziert wurde. Mit dem Zusatz von hochprozentigem Weindestillat konnten Produktionsmängel leichter vertuscht werden.
In New York versuchte man, dieser Nachfrage mit dem Anbau von Hybridreben gerecht zu werden. Besonders von amerikanisch-französischen Hybriden wie Seyval Blanc und Baco Noir erhoffte man sich kälteresistente Reben mit möglichst wenig Moschuscharakter.
Während in der Nachkriegszeit in Kalifornien der Weinbau systematisch neu aufgebaut wurde, hatte man in an der Ostküste nach wie vor mit dem kalten Klima zu kämpfen. Grossproduzenten wie Gold Seal Vineyards konnten Ernteausfälle leichter kompensieren als ein kleiner Familienbetrieb. Im warmen Kalifornien waren zudem die Durchschnittserträge höher als im kalten New York. Dort mussten die Weine in der Regel nachgezuckert und oft entsäürt werden. Die hohen Säurewerte einheimischer und hybrider Reben förderten jedoch die Produktion von Schaumwein, bei der sich insbesondere Gold Seal Vineyards hervortat. Für kleine Familienbetriebe war da nicht viel Platz. New York hatte sich abgefunden mit seinem Schattendasein und trank stoisch seine Weine aus Concord, Catawba und Niagara. Bis schliesslich ein hagerer Mann aus Europa mit streng zurückgekämmten schwarzen Haaren nach New York kam und alles veränderte.
Schliesslich: ein dritter Versuch. Und siehe da...
Dr. Konstantin Frank, ein Ukrainer mit deutschen Wurzeln, arbeitete an diversen europäischen Weinforschungsinstituten bevor er 1951 in in die USA auswanderte. Ihn zog es in die Finger Lakes Region von New York, wo er aufgrund der tiefen Seen ein für den Weinbau günstiges Mesoklima vermutete. Die Kultivierung von Reben in klimatischen Randgebieten war Dr. Frank wohlvertraut, immerhin hatte er über den Schutz der Reben vor Winterfrost promoviert. Das Problem in New Yorker war ihm also kein unbekanntes. Dr. Frank war davon überzeugt, dass europäische vinifera Reben in den Finger Lakes Region sehr wohl wachsen können, wenn sie auf phylloxera-resistente amerikanische Wurzelstöcken gepfropft würden. Seine Theorie fand jedoch zunächst wenig Gehör. Zum einen widersprachen sie der lokal vorherrschenden Schicksalsergebenheit. Zum anderen erschwerten Sprachbarrieren die Verbreitung seiner Ideen, da Dr. Frank zwar 5 Sprachen fliessend sprach, Englisch jedoch nicht.
Aber das Schicksal meinte es gut mit New York, denn Dr. Frank traf Charles Fournier, ein französischer Winzer aus der Champagne und Präsident von Gold Seal Vineyards, den damals führenden amerikanischen Schaumweinhersteller. Frank verstand Französisch und Fournier verstand Frank: er machte den europäischen Querdenker zum Leiter des Anbaus von vinifera Reben bei Gold Seal Vineyards. Während seiner Tätigkeit bei Gold Seal erwarb Konstantin Frank selbst Land am Keuka Lake, gründete 1961 das Weingut Dr. Konstantin Frank Vinifera Wine Cellars und füllte mit dem Jahrgang 1962 seinen ersten Riesling in die Flaschen.
Statt Rieslingrausch herrschte jedoch zunächst weiterhin Viniferaskepsis in den Finger Lakes und es bedurfte der Voraussicht eines weiteren Zuwanderers aus Europa, um vinifera Reben in den Finger Lakes vollständig zu etablieren. Hermann J. Wiemer, Sohn einer Winzerfamilie aus Bernkastel, emigrierte in den 60er Jahren in die Finger Lakes. Er erkannte früh die hervorragenden Vorausssetzungen, die das Seenklima hier für den Weinbau schuf und gründete 1979 ein Weingut und eine Rebschule für vinifera Reben am Seneca Lake.
Am Ufer des Hudson Rivers, der den Staat New York von Norden nach Süden durchzieht, hatte sich bis dato die Weinproduktion mehr oder weniger auf Altarweine aus Hybridreben konzentriert. Mit der Farm Winery Bill von 1976, einem neuen Gesetz, welches die von jedem Weingut zu bezahlende Jahresgebuehr von 1,000 Dollar auf 125 Dollar reduzierte, erhielt der familienbetriebliche Weinbau in New York seine endgültige Initialzündung. Neue Weingüter entstanden in den Finger Lakes, entlang des Hudson Rivers und auf Long Island. Nicht selten bildeten dabei die vinifera Reben aus den Rebschulen von Hermann J. Wiemer und Dr. Konstantin Frank die Grundlage neuer Weinberge.
Die folgenden Jahre sahen einen rapiden Anstieg der Anzahl von Weingütern in New York. Heute ist der Anbau von Trauben und Wein auch zu einem bedeutenden wirtschaftlichen Faktor in New York gereift. Und die Qualität der Weine aus europäischen Reben wie Riesling, Chardonnay, Pinot Noir, Cabernet Franc oder Merlot steigt. Und was den Riesling betrifft, so kann man nur sagen: der taugt wirklich was.
Im nächsten Teil der New York Betrachtung: das Klima, der Boden, die Rebsorten. Geschichten von tiefen Seen, windigen Korridoren und maritimen Feuchtgebieten.
- 1. New York Fruit Tree and Vineyard Survey 2006.
- 2. Als der norwegische Entdecker Leif Eriksson im 11. Jahrhundert die Ostküste Nordamerikas erreichte, nannte er das neue Land Vinland ("Land der Reben").
- 3. The Wines and Wineries of the Hudson River Valley, Alan R. Martell and Alton Long, New York 1993
- 4. In Kaliforninen wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts bereits Wein von vinifera Reben produziert. Ein Teil dieser Trauben konnte während der Prohibition an Privatkunden verkauft werden, denn das Gesetz erlaubte jedem Haushalt die Herstellung von 750 Litern Traubensaft pro Jahr, was von vielen als stille Lizenz für die Herstellung von Wein im Privatkeller angesehen und vom Gesetzgeber geduldet wurde. Der Grossteil der vinifera Reben wurde während der Prohibition jedoch vernichtet und viele Weingüter zur Aufgabe gezwungen.
- 5. Pleasant Valley, Taylor, Widmer's und Gold Seal Vineyards.